Zeitung gegen den Krieg: Der Erste Weltkrieg und einige Lehren für heute

Apr 17th, 2014 | By | Category: Aktuelles, International

In diesen Tagen haben viele Publikationen den Ersten Weltkrieg zum Thema. In der Regel handelt es sich um oberflächliche Darstellungen, um die Beschreibung des Kriegsgeschehens (das erste Mal wurden Massenvernichtungswaffen eingesetzt), um die angebliche Kriegsbegeisterung im August 1914 in Deutschland (in Wirklichkeit hatte diese vor allem die bürgerlichen, kleinbürgerlichen und intellektuellen Schichten erfasst) und um das Thema der Verantwortung für den Kriegsbeginn (wobei inzwischen die längst erwiesene Kriegsschuld des deutschen Kaiserreichs immer wieder relativiert wird). Äußerst selten werden in diesen Publikationen die imperialistischen Ziele und die materiellen Interessen der kriegsführenden Mächte angesprochen. So gut wie nie geht es um Lehren für heute. Genau darum soll es im Folgenden bei sechs Antworten auf sechs Behauptungen gehen.

Erste Behauptung: Das Gedenken an den Ersten Weltkrieg, der vor 100 Jahren ausbrach, ist vor allem eine Angelegenheit der Erinnerungskultur. Es hat mit dem Hier und Heute nichts zu tun.

Antwort: Wenn es bei einem reinen „Gedenken“ bleibt, dann ist dies tatsächlich der Fall. Wenn es jedoch um Denken im Sinne von Nachdenken und Analyse geht, dann ist es falsch, lediglich auf die Schublade „Erinnerungskultur“ zu verweisen. Der Erste Weltkrieg bahnte sich seit mehreren Jahrzehnten an. Er wurde einigermaßen präzise von denen vorhergesehen, die den Krieg als Teil der Logik kapitalistischer Konkurrenz analysierten – beispielsweise von Friedrich Engels, der bereits am 15. Dezember 1887 diesen kommenden großen Krieg wie folgt geradezu prophetisch beschrieb: „Acht bis zehn Millionen Soldaten werden sich untereinander abwürgen und dabei ganz Europa so kahlfressen, wie noch nie ein Heuschreckenschwarm. Die Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges zusammengedrängt in drei bis vier Jahre und über den ganzen Kontinent verbreitet; (…) Zusammenbruch der alten Staaten und ihrer traditionellen Staatsweisheit, derart, dass die Kronen zu Dutzenden über das Straßenpflaster rollen …“ (Marx/Engels, Werke, Bd. 21, 350 f.).

So war es. So kam es. Eine wesentliche Ursache des Ersten Weltkriegs war der Kampf der großen imperialistischen Mächte Großbritannien, Frankreich und Deutschland um die Vorherrschaft auf dem neu gebildeten Weltmarkt. Der entscheidende Grund dafür, dass vor allem das Deutsche Reich im Sommer 1914 ausgesprochen kriegstreiberisch agierte, hatte damit zu tun, dass Deutschland bei der Aufteilung der Kolonien in Afrika und Asien „zu spät“ gekommen war und dies nun militärisch wettmachen wollte.

Zweite Behauptung: Der Grund für den Beginn des Ersten Weltkriegs war das Attentat auf den österreichischen Kronprinzen in Sarajewo am 28. Juni 1914. Ein vergleichbares singuläres Ereignis, das einen Krieg auslöst, ist heute unvorstellbar. Dafür gibt es heute eine besser entwickelte Diplomatie und Krisenlösungsstrategien.

Antwort: Ein Attentat auf eine einzelne Person mag heute nicht so elektrisierend wirken wie 1914, weil es keine relevanten absolutistischen Herrscherdynastien mehr gibt. Es sei aber daran erinnert, dass der Kosovo-Krieg damit begründet wurde, es gelte die Serben für das „Massaker von Racak“ zu bestrafen (dabei sind die Urheber dieses Verbrechens bis heute unbekannt; siehe S. 8). Zum Afghanistan-Krieg kam es, weil die US-Regierung sich für die Attentate vom 11. September 2001 rächen wollte. Die Parallelen springen förmlich ins Auge.

Dritte Behauptung: Der Erste Weltkrieg liegt ein ganzes Jahrhundert zurück. Damals sah die Welt völlig anders aus. Derjenige Krieg, der die heutige Zeit weit mehr prägt, war der Zweite Weltkrieg, der auch zeitlich weit näher liegt.

Antwort: Tatsächlich gab es im Zweiten Weltkrieg insoweit eine Sondersituation, als damals in der Sowjetunion eine nichtkapitalistische Gesellschaft existierte, gegen die zunächst die Achsenmächte Deutschland, Italien und Japan Krieg führten. Im darauffolgenden Kalten Krieg richteten sich dann konsequenterweise alle kapitalistischen Länder gegen die Sowjetunion und die von Moskau dominierten Warschauer-Pakt-Staaten. Diese Situation hat sich nach der Wende von 1989-1991 grundlegend verändert. Inzwischen haben wir es auf der gesamten Welt erneut fast ausschließlich mit kapitalistischen Ländern und Blöcken zu tun. Und dies ist just die entscheidende Parallele zur Zeit vor dem Ersten Weltkrieg – mit diesem Wettlauf der imperialistischen und kapitalistischen Mächte um die Welthegemonie.

Allerdings gibt es eine interessante Parallele zu beiden Weltkriegen: Heute wird erneut, wie im Ersten und wie im Zweiten Weltkrieg versucht, das Feindbild Russland zu projizieren. Wobei die Metaphern, die hierbei heute verwandt werden, auch im Ersten Weltkrieg eine wesentliche Rolle spielten: Deutschland (der Westen) wird als „zivilisiert“ präsentiert; der russische Staat unter „Zar Putin“ wird jedoch als „despotisch“ verteufelt. Wobei man, um den Teufel zu bekämpfen, dann auch mal (in Kiew) mit Faschisten zusammenarbeiten darf.

Vierte Behauptung: Eine Ausgangssituation wie es sie vor dem Ersten Weltkrieg mit dem Kampf um die Kolonialreiche gab, gibt es heute nicht.

Antwort: Der Begriff „Kolonien“ ist heute Teil einer historischen Terminologie. Doch einige Regime, die die EU auf dem Balkan seit Mitte der 1990er Jahre errichtete, haben durchaus kolonialen Status – übrigens ausgerechnet gerade dasjenige mit der Hauptstadt Sarajewo, das Staatengebilde Bosnien-Herzegowina, ein EU-Protektorat. Sodann werden die heutigen Regierungen in Athen, teilweise auch diejenigen in Lissabon und Nikosia, seitens der EU und der Troika wie <I>Halbkolonien<I> behandelt.

Vor allem aber gibt es die folgende Parallele: Die EU kann heute im Kampf auf den Weltmärkten nur dann bestehen und nur dann ihre Position ausbauen, wenn sie ihre Peripherie beherrscht. Das ist eine unübersehbare Parallele zur Zeit vor dem Ersten Weltkrieg: Damals kämpfte Deutschland, verbündet mit Österreich-Ungarn, darum, auf Augenhöhe mit England und Frankreich um die Weltvorherrschaft zu kämpfen. Heute kämpft die Europäische Union, die maßgeblich von Deutschland beherrscht wird, darum, ganz Osteuropa im Allgemeinen und die Ukraine im Besonderen zu beherrschen, um mit den USA und China konkurrieren zu können. Wobei die US-Regierung längst selbst vor Ort mitmischt. Siehe das „Fuck EU!“.

Fünfte Behauptung: Wir haben heute in Deutschland eine stabile Wirtschaft und eine funktionierende Demokratie. Jeder Vergleich mit 1914 ist an den Haaren herbeigezogen.

Antwort: Lesen wir dazu nochmals unaufgeregt die Erklärung, die W.I. Lenin für den Ersten Weltkrieg im September 1914 schrieb: „Der europäische Krieg, den die Regierungen und bürgerlichen Parteien aller Länder jahrzehntelang vorbereitet haben, ist ausgebrochen. Das Anwachsen der Rüstungen, die äußerste Zuspitzung des Kampfes um die Märkte [… ], die dynastischen Interessen der rückständigsten, der osteuropäischen Monarchien mussten unvermeidlich zu diesem Krieg führen [… ] Territoriale Eroberungen und Unterjochung fremder Nationen, Ruinierung der konkurrierenden Nation, Plünderung ihrer Reichtümer, Ablenkung der Aufmerksamkeit der werktätigen Massen von den inneren politischen Krisen in Russland, Deutschland, England und anderen Ländern, Entzweiung und nationalistische Verdummung der Arbeiter […] – das ist der einzige wirkliche Inhalt und Sinn, die wahre Bedeutung des gegenwärtigen Krieges.« (Lenin, Werke, Bd. 21, 13)

Und wie sieht es heute aus? Es existiert eine mit Globalisierung massiv verstärkte Weltmarktkonkurrenz. Wir erleben einen enormen Anstieg der Rüstungsausgaben (vor allem in den USA und China). Es gibt den Ruin ganzer Volkswirtschaften (Griechenland!, Portugal! Spanien!, Irland!). Es gibt die verschärfte innere Krise, vor allem in der EU (Eurokrise!) mit einer selbst im Aufschwung ansteigenden Massenarbeitslosigkeit. Und wir sind Zeugin und Zeuge von immer neuen Versuchen der Verdummung und der Entzweiung derjenigen, die am meisten unter der Krise leiden müssen.

Sechste Behauptung: 1914 gab es eine Kriegsbegeisterung. Eine solche gibt es heute nicht.

Antwort: Das trifft zu. Trotz aller Kriegspropaganda sind mehr als zwei Drittel der deutschen Bevölkerung gegen Auslandseinätze der Bundeswehr, also gegen Kriege mit deutscher Beteiligung. Daran sollten wir ansetzen. Und zugleich über die wahren Ursachen von Krise und Krieg aufklären.

Verfasser: Winfried Wolf // Redaktion Zeitung gegen den Krieg – ZgK

Diesen Artikel weiterempfehlen:

Kommentar schreiben

höchstens 2 Links eingeben">