30 Jahre DOK.fest

Mai 6th, 2015 | By | Category: Aktuelles, Multi und Kultur

DOKfest2015_Webbanner_240x155pxDas Münchner DOK.fest wird 30.
Herz­li­chen Glück­wunsch.

»Kann ein Doku­men­tar­film die Welt verändern?«, fragt Daniel Sponsel. Als Festi­val­leiter des DOK.festes wird er diese rheto­risch-spie­le­risch-neckische Frage sowieso mit »Ja« beant­worten müssen. Die Welt werden Filme eher nicht verändern, aber zumindest den Blick auf sie. Auch in seinem dreißigsten Jahr zeigt das DOK.fest Filme, die den Blick verändern. Mit Gebär­druck sowie Kinder­wunsch­theorie und -praxis setzte sich die 1970 geborene Ina Borrmann in ihrem Film »Alle 28 Tage« ausein­ander. Die meis­ter­hafte Montage »Une jeunesse allemande« von Jean-Gabriel Périot porträ­tiert die Anfänge der RAF vor den Kulissen der BRD der 1960er Jahre. Es ist ein Wieder­sehen mit Holger Meins, Ulrike Meinhof und Horst Mahler. Laura Poitras begleitet in »Citi­zen­four« Edward Snowden und den insze­nierten Skandal um ihn. Sehens­wert mit und ohne Oscar.

DOK.retro

Anläss­lich von Jubiläen blickt man auch zurück: Das aller­erste DOK.fest fand 1985 und in zwei Kinosälen statt. Die drei Festi­val­lei­terInnen Gudrun Geyer (von 1985 bis 2001), Hermann Barth (von 2002 bis 2009) und Daniel Sponsel (seit 2010) haben das DOK.fest zu einem der größten Festivals für den künst­le­ri­schen Doku­men­tar­film in Europa entwi­ckelt.

Die Gründung des Doku­men­tar­film­fes­ti­vals geht auf die Initia­tive der baye­ri­schen Sektion der Arbeits­ge­mein­schaft Doku­men­tar­film zurück, die sich zum Ziel gesetzt hatte, den doku­men­ta­ri­schen Film zu popu­la­ri­sieren und einem breiten Publikum zugäng­lich zu machen. In Zusam­men­ar­beit mit dem Verein »Filmstadt München«, einem Zusam­men­schluss örtlicher Filmi­nitia­tiven, konnte 1985 das Inter­na­tio­nale Doku­men­tar­film­fes­tival München mit städ­ti­scher Unter­s­tüt­zung an den Start gehen. Zur Leiterin wurde Gudrun Geyer berufen, die innerhalb eines Jahr­zehnts ein großes, weltweit aner­kanntes Doku­men­tar­film­fes­tival aufbaute, ab Mitte der Neunziger nur zu verglei­chen mit den Festivals in Leipzig, Amsterdam, Nyon oder Yamagata.

Nach dem Rücktritt Gudrun Geyers 2001 übernahm Hermann Barth im Auftrag des neu gegrün­deten Vereins Inter­na­tio­nales Doku­men­tar­film­fes­tival München die Aufgabe, das Festival in München, Deutsch­land und weltweit weiter zu profi­lieren. Seit 2002 firmiert das Festival unter dem Marken­namen DOK.fest mit erwei­tertem Programm, und er enga­gierte Grafik­de­si­gner Gerwin Schmidt, der Jahr für Jahr eine Motiv­serie entwarf, mit dem die Stadt fächen­de­ckend plaka­tiert wurde. Das DOK.fest München bietet seither einen Rückblick auf die wich­tigsten Filme des Jahres, begleitet Filmo­gra­fien renom­mierter Filme­ma­cherInnen, unter­s­tützt Filme­ma­cherInnen aus so genannten »low produc­tion countries«, auch geldwert mit dem neu einge­führten »Horizonte«-Preis, und sorgt für nach­hal­tige Verbin­dungen zwischen etablierten Regis­seurInnen und Nachwuchs.

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Die Plakate von Gerwin Schmidt greifen seit 2002 ins Stadtbild ein – heute in leuch­tendem Orange. Foto: Dok.fest

2009 geht Hermann Barth. Die neue Leitung übernimmt 2010 Daniel Sponsel mit der anfäng­li­chen geschäfts­füh­renden Unter­s­tüt­zung von Christian Pfeil. Aus dieser Zusam­men­ar­beit entstand neben dem Orange als Festi­val­farbe und den einpräg­samen Sekti­ons­ti­teln »DOK.reihe«, auch die Bayern­reihe DOK.tour. Daniel Sponsel setzt auf das bewährte Erfolgs­kon­zept des bundes­weit größten Festivals für lange Doku­men­tar­filme und erweitert es um die neuen Reihen DOK.deutsch, DOK.guest und wech­selnden Themen­reihen, kehrt zur Retro­spek­tive zurück, die unter Hermann Barth wegen zu hoher Kosten abge­schafft worden war, und präsen­tiert seitdem in Pres­se­kon­fe­renzen steigende Fieber­kurven von Geld­mit­teln und Zuschau­er­zahlen.

DOK.aktuell

Weil es nun eben schon das 30. DOK.fest ist, wird heuer im Deutschen Theater eröffnet. Passend zur Location ist der Eröff­nungs­film ein Film aus der Schau­stel­ler­branche, ein Zirkus­film. Der dänische Film »The Circus Dynasty« ist atmo­s­phä­ri­sches und hoch emotio­nales Kino, ein visueller Augen­schmaus. Er zeigt eine Liebes­ge­schichte zwischen den Nach­kommen zweier berühmter Zirkus­fa­mi­lien. (Do. 07.05., 20:00 Uhr, Deutsches Theater / Fr. 08.05., 21:30 Uhr, City 1 / Do. 14.05., 16:00 Uhr, Rio 2 / Sa. 16.05., 20:00 Uhr, Rio 1)

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Eröffnet wird 2015 mit einem Zirkus­film: The Circus Dynasty

Die zweite Jubiläums­zu­gabe ist die Verlän­ge­rung der Spiel­dauer des oran­ge­far­benen Festivals. Waren es sonst sieben Tage, werden in diesem Jahr über einen Zeitraum von zehn (!) Tagen um die 140 Filme gezeigt.

Neben den Wett­be­werbs­reihen DOK.inter­na­tional, DOK.deutsch, DOK.horizonte gibt es viele spannende Specials wie DOK.money, DOK.network Africa, DOK.music Open Air und Best-of-Oscars.

Die Rote Armee Fraktion erschüt­terte einst das west­deut­sche Abendland. Doch noch immer ist die RAF histo­risch nicht einge­ordnet. In der Wett­be­werbs­reihe DOK.deutsch beschäf­tigt sich der Filme­ma­cher Simon Brückner nicht nur aus sehr persön­li­chen Gründen mit seinem Vater Peter Brückner, der als vermeint­li­cher RAF-Sympa­thi­sant von seiner Tätigkeit als Dozent suspen­diert worden war. In seinem Film »Aus dem Abseits« geht Simon Brückner auf Spuren­suche nach seinem verstor­benen Vater, der als links­in­tel­lek­tu­eller poli­ti­scher Psycho­loge einer der zentralen Unter­s­tützer der deutschen Studen­ten­be­we­gung war. Barbara Sich­ter­mann ist Publi­zistin, Schrift­stel­lerin, eine der Intel­lek­tu­ellen der 68er-Gene­ra­tion und Simon Brückners Mutter. (So. 10.05., 18:00 Uhr, Rio 1 / Mi. 13.05., 19:00 Uhr, Film­mu­seum / Fr. 15.05., 14:00 Uhr, City 3)

Exhi­bi­tio­nismus à la Facebook und noch schlimmer – eine zeit­geis­tige Selbst­in­sze­nie­rung, die weh tut: In der Reihe DOK.deutsch läuft »Elec­troboy« von Marcel Gisler aus der Schweiz. Die kunter­bunte Geschichte des Beau Florian Burkhardt ist die eines unglaub­li­chen Self­mademan mit dem unauf­halt­samen Bedürfnis nach Reizüber­flu­tung: Snow­board­profi, welt­berühmtes Topmodel, Inter­net­pio­nier, Designer, Musiker und Autor. Was ihm in all den Jahren nicht gelingt, ist, zu sich selbst zu finden. Ein facet­ten­rei­ches Portrait mit tiefem Einblick in familiäre Abgründe. (Sa. 09.05., 18:00 Uhr, City 2 / Mi. 13.05., 21:00 Uhr, Rio 2 / Do. 14.05., 20:00 Uhr, City 3 / Sa. 16.05., 22:00 Uhr, ARRI)

DOK.programm

»Und plötzlich klettern sie raus aus den Nach­richten und sind da«, schrieb letztes Jahr artechock-Autorin Natascha Gerold in ihrer DOK.fest-Ankün­di­gung. Auch dieses Jahr wird viel geklet­tert. Und alles ist sehr da. Dass Demo­kra­tien in Afrika ein schwie­riges Unter­fangen seien, sagte der simbab­wi­sche Präsi­denten Robert Mugabe. Mit dieser Thematik beschäf­tigt sich Camilla Nielsson in ihrem Film »Democrats«, der in der Wett­be­werbs­reihe DOK.inter­na­tional gezeigt wird. Von 2009 bis 2012 beglei­tete Camilla Nielsson den Prozess der Verfas­sungs­re­form in Simbabwe. Sie zeichnet nicht nur ein einfühl­sames Porträt der beiden haupt­ver­ant­wort­li­chen Politiker, sondern bietet einen einzig­ar­tigen Blick hinter die Kulissen des poli­ti­schen Systems. (So. 10.05., 15:00 Uhr, ARRI / Do. 14.05., 11:00 Uhr, Museum Fünf Konti­nente / Fr. 15.05., 19:00 Uhr, Museum Fünf Konti­nente / Sa. 16.05., 16:00 Uhr, Atelier 1)

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For the Lost von Pierre-Yves Vande­weerd – ein bild­ge­wal­tiger Schäf­chen­film

Im wirklich breiten Themen­spek­trum des DOK.fest-Programms tummeln sich neben Reali­ti­schem Surreales, Entrücktes und (Alb)traum­haftes: Schäfchen zählen, Schäfchen numme­rieren, vergessen, was Schäfchen sind … Zum DOK.inter­na­tio­nalen-Reper­toire des dies­jäh­rigen DOK.festes gehört »For the lost (Les Tour­mentes)« von Pierre-Yves Vande­weerd. Die wilde Einsam­keit der Land­schaft im Languedoc, ein Schäfer – oder ist es eine Schäferin? – der seine Schafe über die karstige Hochebene treibt: Kurz­ge­schlossen mit den Verlo­renen, Verges­senen, Verrückten. For the lost ist eine bild­ge­wal­tige Medi­ta­tion zu Vergessen und Gedächtnis. In farb­entsät­tigten und gewal­tigen Bildern hat Vande­weerd eine sugges­tive Symphonie kompo­niert. (So. 10.05., 16:30 Uhr, Film­mu­seum / Mi. 13.05., 21:30 Uhr, Film­mu­seum / Do. 14.05. 16:00, Vortrags­saal der Biblio­thek im Gasteig)

Bertolt Brecht ließ Mackie Messer in seiner »Drei­gro­schen­oper« »Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?« fragen. Mit vielen weiteren monetären Fragen beschäf­tigen sich sieben Filme über die Finanz­wirt­schaft und Werte­sys­teme, die im Special DOK.money gezeigt werden.

Über dem ersten könnte der Mittel­finger von Yanis Varou­fakis schweben. In einer Deutsch­land­pre­miere läuft »Agorá« von Yorgos Avge­ro­poulos. Grie­chen­land steht vor dem Staats­bank­rott und muss das einschnei­dendste Spar­pro­gramm der Geschichte umsetzen – mit fatalen Folgen für das Volk. Vier Jahre lang verfolgt der Film die Ereig­nisse der Schul­den­krise aus der Perspek­tive Grie­chen­lands. (Do. 14.05., 20:00 Uhr, Rio 1 / Fr. 15.05., 17:00 Uhr, Rio 2 / So. 17.05., 16:00, Vortrags­saal der Biblio­thek im Gasteig). Das Film­ge­spräch findet am 14. Mai nach der Film­vor­füh­rung mit dem Regisseur Yorgos Avge­ro­poulos, der Co-Produ­zentin Anastasia Skoubri und dem Kommu­ni­ka­tions- und Lite­ra­tur­wis­sen­schaftler, zugleich Leiter des Grie­chi­schen Hauses Westend, Costas Giana­cacos, statt.

Seine Welt­pre­miere erlebt der spanisch-deutsche Film »Falciani und der Banken­skandal« von Ben Lewis. Ben Lewis erzählt die unfass­bare Geschichte des Hervé Falcianis, dem Edward Snowden der Finanz­welt. Falcianis unge­heurer Daten­dieb­stahl ließ 2008 die Welt­banken erzittern: Seine Liste ging in die jüngere Wirt­schafts­ge­schichte ein – und löste allein in Deutsch­land tausende Selbst­an­zeigen aus. (Sa. 09.05., 20:00 Uhr, ARRI / Mo. 11.05., 20:30 Uhr, HFF / Sa. 16.05., 16:00 Uhr, Museum Fünf Konti­nente / So. 17.05., 16:00 Uhr, Film­mu­seum)

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Z32 von Avi Mograbi. Dem israe­li­schen Regisseur ist die dies­jäh­rige Retro­spek­tive gewidmet

Avi Mograbi erhielt im Jahr 2009 den Konrad-Wolf-Preis der Berliner Akademie der Künste, die ihn als »enga­gierten Zeit­zeugen der Konflikte im Nahen Osten« würdigte. Die dies­jäh­rige Retro­spek­tive des DOK.festes ist Mograbi gewidmet. Avi Mograbi gehört zu den inno­va­tiven und zugleich kontro­versen israe­li­schen Filme­ma­chern seiner Gene­ra­tion. Seine Filme setzen sich durchwegs kritisch mit der israe­li­schen Palästina-Politik ausein­ander. Ganz besonders hervor­zu­heben ist sein Film »Z32«. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Nachdem sechs israe­li­sche Soldaten erschossen worden waren, tötet ein israe­li­scher Ex-Elite­soldat zwei unbe­tei­ligte Paläs­ti­nenser. Der IDF-Soldat bekennt sich zur Rache­ak­tion. Die Schuld wird ihn ihn ein Leben lang begleiten. Mograbis »doku­men­ta­ri­sche Musical-Tragödie« reflek­tiert ästhe­tisch innovativ und engagiert Fragen von Zeugen­schaft und Sprach­lo­sig­keit. (So. 10.05., 18:30 Uhr, Film­mu­seum)

In der Gast­land­reihe DOK.guest werden Inde­pen­dent-Filme aus und über China gezeigt. Das Film­schul­fes­tival ist als »Festival im Festival« erneut Gastgeber für Studie­rende und ihre Filme von dreizehn renom­mierten Film­hoch­schulen. Für Kinder, Jugend­liche und Schulen bietet DOK.education eigene Filme mit medi­en­päd­ago­gi­schen Workshops, und beim DOK.forum trifft sich in der Münchner HFF die Branche zur Perspek­tive des doku­men­ta­ri­schen Erzählens einschließ­lich Inter­ac­tive Media.

DOK.artechock

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artechock-Kritiker Rüdiger Suchsland erklärt uns die Film- und Zeit­ge­schichte und wie alles zusam­men­hängt: »Von Caligari zu Hitler«

Und das DOK.fest Nr. 30 kommt selbst­ver­s­tänd­lich nicht ohne artechock aus. Artechock-Guru Rüdiger Suchsland doku­men­tiert in seinem Filmdebüt die Zeit »Von Caligari zu Hitler«. Die Weimarer Republik war in Deutsch­land auch eine Blütezeit des Kinos. Das junge Medium schien wie dafür geschaffen, den Span­nungen der Gesell­schaft zwischen Krise und Freiheit Ausdruck zu geben. In diesem Klima wuchs eine Gene­ra­tion von Filme­ma­chern heran, die die Entwick­lung des Kinos entschei­dend prägen sollte: Friedrich Wilhelm Murnau, Fritz Lang, Walter Ruttmann und Robert Wiene machten erste filmische Gehver­suche. Sie schufen Ikonen der Popu­lär­kultur und erwiesen sich zugleich als Visionäre einer düsteren Entwick­lung. (So. 10.05., 14:00 Uhr, Film­mu­seum / Mo. 11.05., 20:00 Uhr, Vortrags­saal der Biblio­thek im Gasteig)
Der Filme­ma­cher und Kritiker ist anwesend und zugleich in der Jury, um über den besten deutsch­spra­chigen Doku­men­tar­film zu befinden.

Felicitas Hübner für artechock

 Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Zustimmung von logo_artechockartechock.

 

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30. DOK.fest München, 7. bis 17. Mai 2015
Das ausführ­liche Programm sowie Spielplan, Tickets, ein tages­ak­tu­elles DOK.blog und alles andere gibt es unter www.dokfest-muenchen.de

 Bildnachweise: DOK.fest

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