SOZIALE WELT: Preisverleihung „Der kommende Aufstand“

KEKS1
Am 7. November 2013 (Jahrestag der Revolution in Bayern) verlieh die Kurt Eisner Kulturstiftung den Kunstförderpreis 2013 „Der kommende Aufstand“ an Ultra-red.
In der Sozialen Welt werden am Mittwoch, den 13. November 2013 von 17 bis 18 Uhr Ausschnitte aus der Preisverleihung gesendet.
Foto: Manula Bojadzijev (Ultra-red) und Hamza Chehade (Kotti & Co Jugend) nehmen die Preis-Mappe des Kunstförderpreises 2013 der Kurt Eisner Kulturstiftung entgegen, Fotonachweis: Kurt Eisner Kulturstiftung/Peter Brüning
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Aus der Pressemitteilung der Kurt Eisner Kulturstiftung:
Genau 95 Jahre nach der unblutigen Revolution und der Ausrufung des Freistaats Bayern durch den ersten Ministerpräsidenten Kurt Eisner in der Nacht von 7.auf 8. November 1918 verlieh die Kurt Eisner Kulturstiftung ihren Kunstförderpreis „Der kommende Aufstand“ an das internationale Kollektiv Ultra-red für das Projekt „Das Co von Kotti & Co“.
Die Kurt Eisner Kulturstiftung erinnert als lebendiges Denkmal an Kurt Eisner und trägt seine Ziele weiter. Gemäß dem berühmten Zitat: „Kunst kann nur gedeihen in vollkommener Freiheit … Der Künstler muss als Künstler Anarchist sein.“ (Kurt Eisner in der Rede vor dem provisorischen Nationalrat am 3.11.1918) fördert sie Kunst, die politisch Position bezieht, gesellschaftspolitische Bezüge sichtbar macht und kritisch reflektiert.
Rund hundert Interessierte kamen zur Verleihung des Kunstförderpreises mit einer Fördersumme von 10.000 Euro in die Lamentohalle/Halle 6 in München. Wolfram Kastner, Vorsitzender der Kurt Eisner Kulturstiftung und Dr. Hans-Georg Küppers, Kulturreferent der Landeshauptstadt München, sprachen Grußworte.
Ralf Homann, Kuratoriumsmitglied der Kurt Eisner Kulturstiftung, erklärte in seiner Laudatio: „Ich möchte gerade hier in der Lamentohalle nicht lamentieren, wie schwer es der Jury gefallen ist, aus den vielen hervorragenden Einreichungen zum Kurt-Eisner-Preis auszuwählen. Ich denke, wir haben diese Herausforderung gut gemeistert. Ein Grund, dass wir uns für das Vorhaben von Ultra-red ‚Das Co von Kotti und Co‘ entschieden haben: Es ist ein Thema, das nicht nur lokal von Bedeutung ist, oder gar lokalistisch wäre, sondern das über den konkreten Ort, in diesem Fall Berlin, Kreuzberg, Nachbarschaft oder Kiez Kottbuser Tor, hinaus weist. Es ist das Thema der Mieter- und Mieterinnen-Proteste, es ist die Auseinandersetzung um bezahlbare Wohnung, es sind die Kämpfe um das Recht auf Stadt. Dass das Projekt einen konkreten Ort hat, im Jargon: site specific, und dennoch übertragbar ist, nicht nur auf München, war sicherlich ein Grund für die Jury, Ultra-red den Preis zuzusprechen.“
Nach einem nachmittäglichen Workshop präsentierten Mitglieder von Ultra-red und der Kotti & Co Jugend auch bei der Preisverleihung ihr Projekt „Das Co von Kotti & Co“, wobei das Publikum bei der Suche nach der Interpretation von Soundfiles einbezogen wurde.
Anschließend wurde in der Lamento-Bar der Halle 6 noch bis nach Mitternacht gefeiert.
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Kunstförderpreis 2013: „Der kommende Aufstand“ mit einer Fördersumme von 10.000 Euro
Kuratoriumsbegründung:
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Das Kuratorium der Kurt Eisner Kulturstiftung ist sich einig, dass das künstlerisch-politische Projekt „Das Co von Kotti & Co“ unter allen Einreichungen besonders gelungen zivilen Ungehorsam und Strategien des Protestes verbindet und dabei die Rolle der Kunst reflektiert.
Die Aktivisten von Ultra-red setzen sich seit fast zwanzig Jahren in soundbasierten Untersuchungen mit politischen Themen auseinander. „Das Co von Kotti & Co“ findet in Berlin statt, spiegelt aber die aktuell überall in der Bundesrepublik stark präsenten Konflikte um Wohnungspolitiken, urbane Restrukturierungsprozesse und Gentrifizierung.
Das Kuratorium hält deshalb „Das Co von Kotti & Co“ von Utra-red für ein herausragendes Projekt mit starkem Bezug zur revolutionären Praxis Kurt Eisners.
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Preisträger 2013: Ultra-red
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Für ihre Erkundungen akustischer Räume als Ausdruck sozialer Verhältnisse nutzen Ultra-red klangbasierte Untersuchungen, um sich direkt mit politischen Bewegungen auseinanderzusetzen. Mit zehn Mitgliedern in Nordamerika und Europa betreiben Ultra-red einen dynamischen Austausch zwischen Kunst und politischer Organisierung, aus dem Radiofeatures, Performances, Aufnahmen, Essays und Installationen entstehen. 1994 durch zwei AIDS-Aktivisten in Los Angeles gegründet, umfasst das Kollektiv inzwischen Künstler, Forscher und Organiser aus verschiedenen sozialen Bewegungen, einschließlich den Kämpfen der Migration, des Anti-Rassismus, Community-Arbeit und HIV/AIDS-Politik. Die jüngsten Arbeiten im Rahmen der Initiative School of Echoes, haben die Gruppe von der Soundkomposition zur Komposition des Zuhörens geführt. Ultra-red lädt Gruppen dazu ein, sozialen Realitäten zuzuhören, sie aufzunehmen und gemeinsam der Frage nachzugehen: „Was haben wir gehört?“
kco_sticker_webBerlin Kreuzberg, Kottbusser Tor, Ende Mai 2012. Die Mieterinitiative Kotti & Co baut bei ihrem jährlichen Sommerfest aus Holzbrettern eine Protesthütte inmitten des öffentlichen Platzes, gleich neben ihren Wohnungen. Von nun an ist das der Ort, von dem aus sie ihre Forderungen gegen die jährlich steigenden Mieten formuliert, samstags zu den gut gelaunten Lärmdemos aufbricht, die Wohn- und Baupolitik der Stadt in Frage stellt sowie zahllose Literaturlesungen, Musikgigs, Infoveranstaltungen, Konsultationen und damit Treffen für sich, mit der Nachbarschaft, dem Kiez und einem sich anschließenden Co organisiert. Die Stadt klingt ab jetzt anders.
Das Projekt „Das Co von Kotti & Co“ beginnt Ultra-red mit der Frage: „Wie klingt Zusammenleben in der Stadt? Gemeinsam mit Kotti & Co machen wir uns auf und stellen unsere Fragen an ausgesuchte Personen, sammeln Erzählungen, Klänge und Begriffe. Wir gehen auf Soundspaziergänge, lernen die Aufnahmegeräte zu bedienen. Wir führen Interviews und begeben uns an die vielen Orte des Wohnprotests in Berlin. Wir organisieren eine öffentliche Begegnung und kollektive Analyse zur Frage: Wie klingt die Zukunft des gemeinsamen Wohnens?“
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Kunstförderpreises 2013 „Der kommende Aufstand“ der Kurt Eisner Kulturstiftung
Ausschreibungstext
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Am 7. November 1918 proklamierte Kurt Eisner in München den Freistaat Bayern. Damit waren der Erste Weltkrieg und das monarchistische Herrschaftssystem beendet. Erstmals begann in Deutschland ein demokratisches Experiment, das auf Frieden, sozialer Gerechtigkeit, den Menschenrechten und der Souveränität des Volkes beruhte. Der größte Teil der Bevölkerung begrüßte diesen gesellschaftlichen Neuanfang. Viele Künstler, Schriftsteller und Philosophen beteiligten sich an dieser neuen Entwicklung, darunter Paul Klee, Hans Richter, Rainer Maria Rilke, Heinrich Mann, Oskar Maria Graf, Erich Mühsam, Ernst Toller, Gustav Landauer. Der freiheitliche Dialog und die Integration von Kunst und Politik in Gesellschaft und Öffentlichkeit waren das Ziel der Künstler und des „Rats geistiger Arbeiter“. Ein halbes Jahr später war das demokratische Experiment von militaristischen und nationalistischen Verbänden erstickt, Kurt Eisner erschossen (21. Februar 1919), Gustav Landauer erschlagen (2. Mai 1919) und etwa 800 Menschen ermordet. Dies war die Vorstufe für das verbrecherische System der Nazis, das den Weltbrand des Zweiten Weltkriegs und den Mord an Millionen Menschen anstiftete und organisierte. Die Nachwirkungen dauern bis heute an. Das notwendige historische Bewusstsein ist gering.
1988 gründeten Wolfram Kastner und Gerhard Koitschew zusammen mit 19 weiteren Künstlerinnen und Künstlern die Kurt Eisner Kulturstiftung mit dem Ziel, die Werte der ersten Demokratie in Deutschland aktiv in Erinnerung zu halten und für die Zukunft zu wahren. Seither fördert die Kurt Eisner Kulturstiftung Kunst, die sich öffentlich einmischt und politisch artikuliert.
 
Der kommende Aufstand
Die Revolten der vergangenen Jahre verbanden so unterschiedliche Beweggründe und Praktiken des Ungehorsams wie die Revolution in Tunesien und den arabischen Frühling mit Protesten in Israel und der „Empörten“ in Spanien, Kämpfe in Griechenland mit denen in England oder die Occupy-Bewegungen mit den Universitätsbesetzungen in Lateinamerika.
Mit Bezug auf die revolutionäre Praxis Kurt Eisners, des ersten Ministerpräsidenten der bayerischen Republik, lädt 2013 die Kurt Eisner Kulturstiftung Künstlerinnen und Künstler ein, Vorstellungen über kommende Aufstände für eine gerechtere Welt zu entwickeln.
Gefördert werden Projekte, die zivilen Ungehorsam oder Strategien des Protestes zum Gegenstand haben und dabei die Rolle der Kunst in einem zukünftigen Aufstand reflektieren.
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Kurt Eisner Kulturstiftung
www.kurt-eisner-kulturstiftung.de